Zentriertes SVG

Vektormalerei: Malen in Koordinaten

Kunst kann auf traditionelle Art mit dem Pinsel in der Hand gestaltet werden, aber natürlich auch am Bildschirm. Wie sich Farbe, Pinsel und Malgrund verhalten, kann Software simulieren und ein Bild Pixel für Pixel entstehen lassen. Vektorgrafik arbeitet jedoch anders. Denn der Maler am Bildschirm arbeitet gar nicht am Bild, sondern an einer Datei. Das eigentliche Bild ist die Vektordatei: eine Folge von Anweisungen, in denen Eigenschaften und Lage der Einzelteile der Darstellung definiert sind.

Datensatz

Wer einen Text von Hand schreibt oder mit der Schreibmaschine, für den ist jeder Fehler fatal. Nicht jedoch für den, der seinen Text am PC tippt. Mit dem Cursor zwei, drei Stellen zurück, der Fehler ist weg und der Text erscheint am Bildschirm. Wichtiger noch, die Software hat den ganzen Text mit allen Zeichensatzdefinitionen und Formatierungen und kann ihn jederzeit reproduzieren.

Vektordatei

Dieselbe Logik lässt sich auf grafische Darstellung übertragen. Der eigentliche Darstellungsprozess findet in der Zwischenebene der Vektordatei statt. Während auf dem Bildschirm eine Linie entsteht, übersetzt das Grafikprogramm den Linienzug in Koordinatenpunkte und Verlauf, Strichstärken sowie Farben von Kontur und Fläche. So wird im Hintergrund die Vektordatei als Stapel von Anweisungen generiert, wie das komplette Bild auszuführen und wiederzugeben ist.

Mikrochirurgische Eingriffe

Wie beim Textprogramm, wo man an eine beliebige Stelle springen kann, um zu ändern, kann man auch im Vektorprogramm auf jedes Einzelteilchen isoliert zugreifen und es bearbeiten. Das kann man hundert Mal machen. Für das Bild als Ganzes hat das nichts zu bedeuten, weil die Korrektur nur auf die jeweilige Stellschraube wirkt.

Unendlich skalierbar

Wie generell in der Vektorgrafik haben Darstellungen keine vorgegebene Dimension; sie sind lediglich geometrisch definiert. Es gibt kein Auflösungsproblem; ein Strich hat auch in hundertfacher Vergrößerung immer noch eine scharfe Kante. Der Maßstab ist eine Variable, die nicht vorab, sondern immer wieder neu festgelegt werden kann. Von der Briefmarke bis zum Riesenposter oder darüber hinaus ist es immer dieselbe Datei

Bilder ohne Rahmen

Die Größenunabhängigkeit und Formatfreiheit fokussiert unmittelbar auf das, was dargestellt wird. Es gibt nicht die Leinwand, die schon da ist, wenn es noch gar kein Bild gibt. Daher braucht ein Vektorbild nicht unbedingt einen Hintergrund oder Rahmen.

Auch in Teilen komplett

Bei einem Textprogramm kann man das Ganze, aber auch einzelne Teile ausdrucken oder Kapitel weglassen. Ähnliches geht mit einer Grafikdatei. Wenn man Einzelteile, wie etwa den Ohrschmuck bei einem Porträt, zu einer Gruppe verbindet, die sich an- und ausklicken lässt, entstehen unterschiedliche Bilder: wahlweise ein Porträt mit Ohrschmuck und eines ohne, und das aus derselben Datei.

Globale Farben

In der Vektorgrafik geht es immer um Linie und Farbe. Jede Kontur und Fläche hat eine Farbe, außer sie hat keine; was auch eine Farbinformation ist. Dazu kommt ein Wert für Deckkraft, wenn man Transparenz will. Aber ein Objekt muss keine eigene Farbe haben; die kann es auch von einer Farbvariablen beziehen. Die liefert einen Farbwert als globale Farbe für alle Elemente, die farblich gleich sein sollen. Und das auch dann, wenn sich die Farbe ändert. Dann sind alle betreffenden Teile z. B. rot und nicht mehr gelb wie vorher, wie viele, wie klein und versteckt sie sein mögen.

Komplexe Farbübergänge für organische Oberflächen

Vektorgrafik ist charakterisiert durch dominante Konturen, abrupte Farbsprünge und der quasi Überbetonung der Linie als Begrenzung oder Abgrenzung, wo eigentlich ein Kontinuum ist. Genau da greift die Vektormalerei mit kontinuierlichen Farbübergängen anstelle der scharfen Grenze zwischen unterschiedlichen Farben. Mit sanften Farbverläufen und weichen Schattierungen lassen sich organische Formen wirklichkeitsgetreu und empfindsam wiedergeben.

Modellieren mit wenigen Farben

Mit diesen Techniken lassen sich sanft gewellte Ebenen oder komplizierte Wölbungen naturgetreu wiedergeben. In der Porträtmalerei erhalten etwa die Gesichtspartien ihre dreidimensionale Tiefe im Spiel von Licht und Schatten durch subtile Farbmodulation der Hautoberfläche. Der Clou dabei: Nur die Farbwerte von Start- und Endpunkten von Farbtransformationen müssen definiert werden; die unendlich vielen Zwischentöne liefert die Software. Mit globalen Farben genügen zudem wenige Basisfarben, damit ein Porträt lebendig, plastisch und ausdrucksstark wirkt. Trotz der visuellen Komplexität bleibt so die Vektormalerei mit wenigen Farben und Umsetzung der Verläufe durch Software technisch elegant und minimalistisch.

Grafik mit und ohne Farbe
Vektorgrafiken bestehen aus Farbfeldern mit Umrisslinien und Füllung, blendet man die Farben aus, bleiben die Konturen.
Trenung von Form und Farbe

Ob es sich bei einem Bild tatsächlich um Vektorgrafik handelt, zeigt sich untrüglich, wenn man alle Farben ausknipst, dann bleibt nur das Liniengerüst der Konturen. Das Dargestellte ist nicht Form und Farbe in einem wie bei Pixelbildern, sondern Kontur und Farbgebung sind unabhängig voneinander. So kann man bei der Vektorgrafik bzw. -malerei Struktur und detaillierte Ausführung trennen.

Vorstellung Gestalt werden lassen

Konturen und Linienführung bilden das Gerüst, das dann die Formgebung durch Farbabstufungen und subtilen Verläufe trägt. Das sukzessive Vorgehen gibt einem experimentellen Prozess mit Versuch und Irrtum Raum, in dem sich Intuition und konstruktives Gestalten gegenseitig fördern. Die Vektordatei im Hintergrund enthält dabei die gesamte Partitur des Werkes, in dem man jeden Ton einzeln ändern kann. Das gibt volle Kontrolle über den Entstehungsprozess, Ideen und Vorstellungen umzusetzen.

Rosi monochrome Rosi verlauf
Jenseits der harten Kante

Vektormalerei beginnt dort, wo die klassische Vektorgrafik aufhört. Sie nutzt das präzise geometrische Rüstzeug nicht für harte Abgrenzungen, sondern als Basis für komplexe Verläufe und Übergänge, die ein farbliches Kontinuum schaffen. Das sind zusammengehörige Flächen ineinander verlaufender Farben, die im harmonischen Miteinander Oberflächen bilden. Darin steckt die Herausforderung, eine Staffel von Farben so zu wählen und gegeneinander abzustimmen, dass sie die Töne und Schattierungen darzustellender Formen richtig erfassen und wiedergeben. Klassische Vektorgrafik lebt vom Reiz des Kontrasts, Vektormalerei von komplexen Farbübergängen, die den Bogen zur Ästhetik klassischer Malerei schlagen.

Fertig?

Die Vektordatei als eigentliches Bild macht Vektormalerei erst möglich. Auch wenn das Kunstwerk eigentlich fertig ist, kann man noch weiter machen. Jeder Eingriff ist nur eine kontrollierte Operation, die den Rest unangetastet lässt. Von Vorteil, wenn das Bild dadurch gewinnt; kann es anderseits schwierig machen, mit dem Werk abzuschließen. Eine neue Sicht oder Idee könnte dem Werk den letzten Schliff geben.

Neues Spiel

Man kann den technischen Unterbau der Vektormalerei, insbesondere dass Kontur und Farbe voneinander unabhängig sind, auch als Einladung zum Experiment sehen. Vielleicht ist das Bild noch ganz anders gemeint. Man geht nochmal zum Drahtgerüst zurück. Wie auf einer leeren Bühne, der man neue Kulissen spendiert, um ein anderes Stück aufzuführen. Das Liniengerüst steckt man in neue Kleider, indem man die bisherigen Farben durch eine neue Palette ersetzt. Da die Konturen und Linien die Konstanten bleiben, spielen sich die Verwandlungen ganz auf der Ebene der Farben ab. Es entsteht eine neue Variante nur durch neue Orchestrierung der ineinander verwobenen Farbfelder.

Rosi-Variante 1 Rosi-Variante 2 Rosi-Variante 3
Mehrere Wahrheiten im selben Gesicht

Obwohl es im Kern dieselbe Darstellung bleibt, entsteht mit einem anderen Farbspektrum eine eigenständige Variante. Es treten ganz neue Charaktere ans Licht. Obwohl so verwandt, stecken in den Varianten jeweils spezifische Ansprachen und entfalten eigene Wirkungen. Was in einer ersten Version brav war, wird plötzlich schrill, was hell und leuchtend vielleicht eher düster oder geheimnisvoll. Bei einer gelungenen Reihe von Variationen, stellt man fest: Es sind eigenständige Bilder, zwischen denen schwerfällt zu entscheiden, welches denn jetzt das „richtige“ Bild ist. Es bleibt das Geheimnis einer mehrfachen Identität.

„So ist die Vektormalerei nicht nur eine Technik der Präzision, sondern eine Schule des Sehens: Sie erlaubt es, ein Motiv in unzähligen emotionalen Zuständen zu interpretieren, während die mathematische Wahrheit des Drahtgerüsts identisch bleibt.“
(Google Gemini-KI)


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